„Zitronenfalter und Melonenkern“
von Norbert Weiß

Der Bauernkalender weiß es seit vielen hundert Jahren: „Lichtmess verlängert den Tag um eine Stunde für Leute und Hunde“ und er meint den zweiten Februar, das Ende der Lichtkerzenzeit, an dem das Bauernneujahr gefeiert wird, nicht immer ganz schicklich, mit Wein, Weib und Gesang.
Dem „Erdengel seiner Lichtmessen“ hat der Lyriker Richard Pietraß die jüngste Gedichtsammlung „Lustwandel“ zugeeignet. Was für eine schöne Widmung. Wem da nicht das Herz aufgeht, der soll im Kalten bleiben. Und: Was für ein Buch ( Manfred Richter hat es gestaltet), sorgfältig in der Centaur, Monotype gesetzt, leicht und klar konturiert und kongenial ergänzt durch fünf Arbeiten Gerda Lepkes auf Japanpapier: luftige Aquarelle, Deckweiß, Tusche, als „schwesterliche Beigabe“ erkennbar, nicht miss zu verstehen als Beiwerk, als Illustration; lila Einbanddeckel, Lesebändchen dito.

Und was für Gedichte – reichlich hundert an der Zahl, keines länger als neun Zeilen, keines kürzer als drei, ein halbes hundert Haikus inklusive, geschrieben zwischen 2007 und 2011 und reihenweise aufgestellt in drei Abteilungen Sie heißen Traumsaum und Pariser Lust und Sternenstaub. Naturgedichte sind es, Liebesgedichte, Weltgedichte. Heiter, sarkastisch, sprachverliebt, andächtig und nachdenklich, kommen sie allesamt ohne Pathos und ohne Zeigefinger aus.
„Braunbier säuert am Boden. So wenig / Bin ich gereift, dass ich mit Hölderlinhoden / Nach Eissternen greif. Und dir ins Lustgetriebe. / Trägst meine Last mit List. Die du mir / Zitronenfalter und Melonenkern bist. //“ (Niederlage)

Gefeiert wird der Moment und dessen heitere oder bittere Summe, Musik die über das Wasser weht, die notenbelaubte Linde, der Sonnenflug ans Blätterklavier – feierlich wird es nie, und was in den spielerisch, leichten Fußes daher kommenden Versen da und dort zunächst als romantische Verklärung aufscheint, hat seinen raufasrigen Hintergrund, auf dessen Folie Richard Pietraß an der Wegscheide zwischen Traum und Wirklichkeit seine Zwischenwelt entwirft, in der alles Mögliche beunruhigend möglich wird. Wo man Stimmen hört, die als Suchtrupp die Adern heraufkommen. Wo das eigene Gesicht in der Zeitung als Mond in abnehmender Phase auftaucht: „Lachfalten und lange Leitung / Handbreit überm Rasen. Krähenfüße und Kratzfuß / Duzfuß mit dem Tod. Mein Name meistens Hase / Wappen mein Pfauenrad.“ (Zeitgesicht)

Dem mit „Pariser Lust“ überschriebenen Kapitel widmet der Dichter, neben anderen, eine Melange von Wortspaß versessenen amüsanten Texten, Kobolz schießenden Gebilden, in denen über „Ochsenbäckchen in Schwanzbouillon. Stein- / Pilzpimmel von gepfefferter Karte“ (Liebesmahl) schwadroniert oder „von Hecke zu Hecke … zwischen Quappen, Quendel und Quecken“ alliterierend lustwandelt wird. (Lustwandel. Jardin des Plantes) Man liest es mit großem Vergnügen.
Stärker haften wohl dennoch die einem leiseren Ton verhafteten Sentenzen: „Kiefernkerzen vorm Fenster, gezündet, / Im Grillenkonzert wiegt uns die Brise, die kühlend / In knisternde Laken fährt. // (Wachnacht. Hôtel de l’Horloge) oder die den Band als schwebende Sternenstaubwolke beschließenden meisterlichen Haikus. In einem heißt es und hallt lange nach:
Spitzeichblatt / Noch im Fallen weist du / In alle Himmel

Quelle: Signum. Blätter für Literatur und Kritik (Heft 2/2015)


Richard Pietraß: Lustwandel

Gedichte, Verlag SchumacherGebler
Mit Aquarellen von Gerda Lepke.

96 Seiten, 5 Farbabbildungen.
Festeinband mit Schutzumschlag.

€ 16,00

ISBN 978-3-941209-31-2

erschienen: Oktober 2014





Richard Pietraß: "Lustwandel"
Ein Gedichtbuch für alle Sprachsensiblen und Sprachverliebten und Verliebten sowieso ...
von Salli Sallmann, kulturradio

Richard Pietraß ist einer der wichtigen deutschen Lyriker, und als solcher war er in verschiedenen Kampfgebieten der deutschen Lyrik im Einsatz, z.B. Von 1975 bis 1979 als Lektor für Lyrik im Verlag Neues Leben, DDR, und zugleich als Redakteur der Literaturzeitschrift Temperamente. Von 1977 an gab Pietraß die berühmte Lyrikreihe "Poesiealbum" heraus. Nach der Wiedervereinigung war er von 2009 bis 2012 - in Nachfolge von Bernd Jentzsch - wieder Herausgeber der Lyrikreihe. Und er hat zwei Dutzend Gedichtbände herausgebracht.

"Pappsatt topflappenschlapp"
Richard Pietraß bietet in seiner neuen Gedichtzusammenstellung kurze kleine feine Texte an, die von Sprachverliebtheit und Sprachsensibilität nur so strotzen und die sich dem Dichter gleichsam aus der Seele wie aus dem Sprechakt ringeln, denn dies sind auch Sprechgedichte, schön auch dadurch, dass die kleinen Gegenstände der Gedichte hier im Schutz des Schwarmes "Gedichtbuch" uns vor Augen und Herzen schwimmen und flattern. Man kann in diesem Gedichtbuch hin und her blättern und sich lesend hie und da einnisten.

Es sind vor allem Natur-und Liebesgedichte, es gibt Kuss- und Mooskissenreisen in den märkischen Sand und ins niedersächsische Wendland, es geht aber auch nach Paris und Pennsylvania. Pietraß selbst ist ein barocker oder auch bacchantischer Typ, der aber in seiner Lyrik immer wieder feine, fast mozartische Töne kreiert. Es gibt aber auch erotische Speisegedichte im neuen Band, Pietraß schreibt:
"(…) Ochsenbäckchen in Schwanzbouillon / Steinpilzpimmel von gepfefferter Karte / Pappsatt topflappenschlapp (…)".

Lust-Genuss
Im Titel Lustwandel deutet Pietraß das Wort in seiner Vielfalt, man kann zwischen den Texten quasi lustwandeln, und da es um Liebe geht, spielt auch Erotik eine entscheidende Rolle, der männliche Sprecher hat dabei mitunter durchaus etwas Bockähnlich-Schmeichelndes, aber auf hohem ästhetischen Niveau, es ist sozusagen ein Lust, und da der Autor des Ganzen ja auch älter wird, ist "Lust-Wandel" natürlich auch als Wandel des Lust-Genusses interpretierbar.

"Sternenstaub"
Richard Pietraß' Ton ist in diesen Gedichten meist schnurrend heiter. Hier hat sich Pietraß zur klugen, genießenden Gelassenheit des reifen Dichters entschlossen.

Das Kapitel Sternenstaub, das sind Haikus, kennt man bereits aus einer anderen Veröffentlichung, aber es passt zu den anderen neuen Texten im Band. Hervorzuheben sind auch die eingefügten Aquarelle von Gerda Lepke, pralle, kleine bunt-verkritzelte Beifügungen, die die ästhetische Kraft des Buches befördern.

Ein Gedichtbuch für alle Sprachsensiblen und Sprachverliebten und Verliebten sowieso, und für alle, die ein anspruchsvolles Nicolaus - oder Weihnachtsgeschenk suchen, und für alle, die noch nicht taub geworden sind im öffentlichen Gezeter und Marktgeschrei.

Quelle: kulturradio.de (27.November 2014)


Richard Pietraß: Lustwandel

Gedichte, Verlag SchumacherGebler
Mit Aquarellen von Gerda Lepke.

96 Seiten, 5 Farbabbildungen.
Festeinband mit Schutzumschlag.

€ 16,00

ISBN 978-3-941209-31-2

erschienen: Oktober 2014





Anti-Idyll
Von Thomas Wild

Die Naturgedichte von Richard Pietraß

Vor ein paar Jahren wäre es um die Menschheit fast geschehen gewesen. Hale-Bopp, ein etwa 40 Kilometer dicker Komet aus Eis rauschte 1997 nur knapp an der Erde vorbei. „Wandelstern“ nannte Richard Pietraß damals lakonisch seine lyrische Hommage an jenes „babelhoch“ schimmernde „Reiskorn im Milchbart Gottes“. Seine Naturgedichte aus fast 30 Schaffensjahren tragen nun denselben Titel. Sie mahnen an die fortschreitende Bedrohung hausgemachter Umweltzerstörung; und sie stellen den Berliner Autor in der Vielfalt seiner poetischen Gewänder vor. Schon Anfang der 1980er Jahre setzte sich der gebürtige Sachse für den Schutz bedrohter Tierarten ein, was ihm den Zorn der fortschrittsgläubigen DDR-Parteioberen eintrug.

Im Land von Buna und Leuna, getragen von europaweiten Protesten gegen das Waldsterben, sprang er lyrisch dem von „Pech und Schwefel“ bedrohten Baum, dem „Ringenden“ bei, den „die Dampframme des Straßenbaus“ bis in die „jüngsten Wurzeln erzittern“ ließen.

Die versehrte, verfremdete, auch dämonische Natur ist ein Topos moderner Dichtung von Georg Heym über Brecht bis Huchel. Der Skeptiker Pietraß steht dieser antiidyllischen Linie näher als den mal göttlichen, mal magischen Gebirgen und Wäldern, Gärten und Gewässern von Goethe bis George, von Brentano bis Sarah Kirsch. Pietraß preist seinen „Gepard“ so leidenschaftlich wie Rilke seinen „Panther“, doch schickt er dem „Bodenadler, jagend in der Mittagsglut“ die nüchterne Realität der Trophäenjäger hinterher:
„Kühl sucht eine Kugel dich im Flug.“

Was nicht heißt, dass diese Naturgedichte sich im Finsteren vergraben. Munter blühen Worte und Stile, „Rappelschäume, Zappelträume“, „Honignäpfchen, Schüttelwiege“. Kaum ein Reim kuscht vorm Kalauer: „Laus um Laus im Affenpelz./ Auf dem Reißzahn rostet Schmelz.“ Schmunzelmaterial auch Pietraß’ funkelnde Dichte aus Scharfsinn und Ironie wie in „Auwald“:
„Der Himmel hat das letzte Wort./ Es taumeln ihm die Vögel fort./ Im tauben Ei das blaue Wunder. Hol über, und Holunder.“

Rund 30 Bücher hat Pietraß veröffentlicht, überwiegend mit Gedichten. Er übersetzte Seamus Heaney und Boris Pasternak und ist Herausgeber der neu aufgelegten Lyrikreihe Poesiealbum. Seine Naturgedichte werden nun von Kupferstichen des Grafikers Baldwin Zettl begleitet, der auch eine Ausgabe von Goethes „Faust“ illustrierte. Kostbare Gestaltung kennzeichnet die Edition Ornament, in der Pietraß’ „Wandelstern“ erschienen ist. Als Vorbild dient Kurt Wolffs legendäre Broschurreihe „Der Jüngste Tag“.

Die alte Frage, inwiefern es Kunst vermag, politische Gegenwart zu verstehen, durchmisst Pietraß auf dem „Gartenweg“ im „Vaterwald“, zwischen „Abraum“ und „Aberraum“. Zugleich sichtet er, „was schon geschrieben steht“ und legt es darauf an
„zu ersinnen/ Aus alten Fäden andres Garn zu spinnen“.

Quelle: tagesspiegel.de (7.Juli 2013)


Wandelstern
Die Naturgedichte


quartus Verlag
Edition Ornament

88 Seiten mit 4 Kupferstichen
von Baldwin Zettl
Engl. Broschur, 500 num. Expl.

€ 14,90

erschienen: Dezember 2012





Das Schöne hat einen Namen
Von Michael Wüstefeld

Naturgedichte von Richard Pietraß in besonderer Verpackung

Daß es so etwas Schönes noch gibt: „88 Seiten, fadengeheftet in schwarzem Karton mit handgeleimten Etiketten, taubenfarbenen
Vor- und Nachsatzpapieren sowie dunkelblauem Lesefaden“. Da läuft doch einem Buchgourmet das Wasser im Leseauge zusammen! Aber damit nicht genug. Jeden Band begleiten Zeichnungen namhafter Grafiker sowie eine handgebundene Vorzugsausgabe von jeweils 50 Exemplaren, der wiederum eine Originalgrafik beiliegt. Das Schöne trägt den Namen „Edition Ornament“, herausgegeben und gestaltet von Jens-Fietje Dwars. In loser Erscheinungsfolge hat es die Reihe seit 2004 auf überschaubare zehn Bände gebracht. Wortkünstler wie zum Beispiel Gisela Kraft, Wilhelm Bartsch und André Schinkel werden von den Bildkünstlern Ullrich Panndorf, Mario Götze und Karl-Georg Hirsch umschmeichelt.
Jetzt versammelt Band 11 die besten Naturgedichte von Richard Pietraß, einen Reigen glitzernder Vers- und Strophenketten, entstanden zwischen 1979 und 2006, denen Baldwin Zettl mit meisterhaften Kupferstichen eine Fassung gegeben hat. Seit eh und je schreibt Richard Pietraß gegen den Mißbrauch von Landschaft und Natur an. Das kulminierte in dem 1987 erschienenen Gedichtband „Spielball“, der die Erdkugel in einem tödlichen Spiel gefangen, sich selbst als Teil bedrohter und untergehender Natur sieht. Pietraß kommt nicht gemütstümelnd wie weiland Eva Strittmatter daher, sondern mit dem Seziermesser, nicht mit dem Krummsäbel, vielmehr mit dem Florett. Erfüllt von Heidenangst und Galgenhumor stichelt er gegen dickhäutige Gewohnheiten, sichelt unsere Gleichgültigkeit beiseite und stachelt uns zum Nachdenken an.
Und wenn es nur mit drei Zeilen wäre: „Es wohnen in seinen bleichen Mauern der Meeres-/Bewohner viel. Wir flogen vorüber, in meinen Ohren/Sirenengeheul, das lockende Glockenspiel.“ Weil sich nichts zum Besseren gewandelt hat, ist es mehr als recht, diese melancholischen Warngedichte neuerlich zu verlegen.
Kleiner Wermutstropfen in dieser Bibliophilenphiole, daß kein einziges unveröffentlichtes Gedicht enthalten ist.
(Erschienen in: "Sächsische Zeitung", 2./3. Februar 2013)


Wandelstern
Die Naturgedichte


quartus Verlag
Edition Ornament

88 Seiten mit 4 Kupferstichen
von Baldwin Zettl
Engl. Broschur, 500 num. Expl.

€ 14,90

erschienen: Dezember 2012





Lust auf Paris
Von Michael Wüstefeld

Richard Pietraß als liebender Flaneur

Es heißt, Paris sei längst tot fotografiert, von Touristen in Grund und Boden getrampelt, auch leer geschrieben und aus gedichtet. Also sind nach Baudelaire und Verlaine, nach Eluard und Aragon Gedichte über Paris heute undenkbar? Weit gefehlt! Richard Pietraß tritt leichter Hand und übervollen Herzens den Gegenbeweis an. Hatte der sächsische Lichtensteiner als Herausgeber der Poesiealbumreihe gerade noch in Heft 294 eine schöne Neunachdichtung von Apollinaires Brückengedicht geliefert:
„Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine/Komm Nacht Stunde eile/Die Tage gehn ich verweile“, begibt er sich jetzt selbst neben, über und in die Seine, was sowohl Fluß als auch Geliebte meinen kann. Zwischen Februar 2009 und Mai 2011 hat Pietraß der Stadt mehrfach Besuche abgestattet. Er erweist sich als Flaneur, Genießer und Liebender, als ein poetischer Stadtbummler par excellence. Mit allen Sinnen faßt er nach dem Unfaßbaren, nach Fundstücken, die in Luft und Parks, auf Straßen, Plätzen und Tellern oder im Bett liegen. Dreiundzwanzig Gedichtperlen streut Richard Pietraß lustvoll aus, die niemals länger als acht Zeilen sind, die aber auch nie den Eindruck erwecken, es würde in ihnen etwas zu kurz kommen, und die nicht zum touristischen Nummernprogramm verkommen. Und wenn doch einmal bekannte Pariser Namen wie „Bibliothèque Nationale“, „Hôtel de Ville“ oder „Porte des Lilas“ zu Gedichttiteln und Ausflüge zu berühmten Orten wie nach Saint Denis, Giverny oder Chaumont unternommen werden, sind sie wie Türen, hinter denen sich persönliche Erinnerungen tummeln, die wenig mit den Hausnummern gemein haben. In der „Alten Oper“ (Opéra Garnier) zum Beispiel entpuppt sich auf wundersame Weise die Loge als Séparée, „Spiegel/Wiegeln und zügeln den Seitenblick“ auf ein „Schäumendes Stück!/Da Capo, Pferdchen! Die Samtvorhänge!“ All das hinterläßt eine „Leuchtspur glücklicher Momente“, wie es Pietraß im Gespräch nennt. Was den Leser mit dieser „Pariser Lust“ anweht, ist eine Melange aus Melancholie, Pathos und kindhaftem Übermut. Da wird gemaunzt und geraunzt, geschnurrt und gegurrt, es bamseln Amseln im Gebüsch und zum „Liebesmahl“ gibt es „Ochsenbäckchen in Schwanzbouillon. Stein-/Pilzpimmel von gepfefferter Karte.“ Ein Höhepunkt in mehrfachem Wortsinn ist das jüngste Gedicht der Sammlung, das als „Zugabe“ dem Buch gleich einem Lesezeichen beiliegt. Wie der Dichter darin den Besuch im Restaurant des Eiffelturms imaginiert, bei erhoffter „Haute cuisine“ in Teufelsküche gerät, ist der Geniestreich eines verhinderten Gourmets.
Gelungene Leckerbissen sind in jedem Fall die bibliophile Ausgabe aus dem Warmbronner Verlag von Ulrich Keicher und ihre Zweisprachigkeit, für die der Pietraßfreund Alain Lance und die Dichtermuse Gabriele Wennemer gesorgt haben. Chapeau! Chapeau!
(Erschienen in: "Sächsische Zeitung", 07./08.04.2012)

Quelle: michaelwuestefeld.blogspot.de


Verlag Ulrich Keicher

28 Seiten + Beilage
Fadenheftung, broschiert.

€ 12,00

erschienen: Oktober 2011





Rappen fürs Treppentappen
Von Michael Wüstefeld

Richard Pietraß dichtet auch als Tagebuchautor in Liechtenstein.

Wer wäre prädestinierter, einmal im Leben Landesschreiber des Fürstentums Liechtenstein zu sein, als der 1946 im erzgebirgischen Lichtenstein geborene Richard Pietraß? Ansonsten ein makelloses Dichterleben führend, verlässt er 2004/2005 für zehn Monate das ihm angestammte Terrain, artikuliert sich episch, führt Tagebuch. Zwar residiert er nicht fürstlich aber fürstennah, zwar füllt der Autoinhalt die spärliche Schreibkemenate gänzlich aus und führt die Hauptstraße "mitten durchs holzgemütliche Zimmer", dafür aber entschädigt eine "atemberaubende Postkartenaussicht".

Obwohl der Dichter den Gastgebern "preußische Korrektheit und sächsische Kontaktfreude" gelobt, pflegt er vor allem Letzteres, sodass unterhaltsame Weltläufigkeit seinen Triesenberger Text formt und bestimmt. Kaum angekommen, nach einem "Sonnenuntergangsschwimmen vor den senkrechten Wänden des Leistkamms" im Walensee, werden schleunigst Kontakte geknüpft und gepflegt. Und wenn der Landesschreiber weder Besucher noch Gastgeber ist, dann jagt er sein Auto zwischen Berlin und Triesenberg hin und her oder reist mit Bus, Zug und Flugzeug nach Sarajevo, Luzern, Zürich, Helsinki, Breslau, Südtirol, Innsbruck, Wien, Riga und Königsberg. Aber nicht nur als kontaktfreudiger Reisender scheidet Pietraß die Stammelspreu vom Wörterweizen, sondern ebenso als Wandersmann, Skifahrer, Ornithologe, Weintrinker, Genießer wie auch bei der Fürstenaudienz oder beim "Lebenstraum Weinlese" oder bei der Apfelmesse, wo er so treffliche Namen einsammelt wie "Grüne Stettiner", "Glockenapfel", "Kronenreinette", "Rösli Marie".

Was aber vielleicht das Spannendste an diesem Buch ist, dass auf den Dichter Pietraß als Binnen-, End-, Stab- oder Schüttelreimer nicht verzichtet werden muss. Gleich dutzendfach geht die Reimlust mitten in der Tagebuchprosa mit ihm durch, ganze Gedichte sind in harmlos aussehenden Sätzen versteckt. Über die Walhalla bei Regensburg: "verkopftverzopfter Trophäentempel, verkleckstes Lehrer-Hempel-Rohrstockexempel mit Ewigkeitsstempel". Über die Churburg zu Schluderns: "Pferdeharnisch, Hundskugeln und durchschlagende Armbrüste, die ganze Skala mörderischer Lüste.. Lärchen-Deckenbalken, Fichtendielen, Augenschwielen. Gemächte, die in Ohnmacht fielen." Übers Skifahren: "mit Doppelschub zum Moppelhub . Gott allein war Zeuge dieser Schwerkraftbeuge." Oder die reichlich verstreuten Kleinigkeiten wie: "Rappen fürs Treppentappen", "Bericht über mein Tun und Lassen im Ländchen der hohen Tassen", "Voyeur des Malheurs".

Bis auf die letzte Seite lässt Pietraß die Wörter tanzen und nach "Schinkenfleckli" streckt er die "wunden Wanderbeine", bläst ein paar Seifenblasen in letzte Balkonsonne, Kinderspiel und Sinnbild des "entschwebenden Lebens . tanzende Spiegel, gelöste Siegel".

Quelle: SZ-Online (04.06.2008)





Richard Pietraß: Freigang
Verlag Faber & Faber, 96 Seiten, 16 Euro




Gejagter Pfeil
Von Peter Geist

Dass die fünf Abteilungen des Bandes durch konzentrierte, höchstens dreisilbige Wortfügungen mit ihren spezifischen Adhäsions- und Kohäsionskräften überschrieben sind, mag der Stringenz der Titelwahl geschuldet sein. Dafür hält sich der Kompositeur in den Gedichten selbst schadlos und verleiht seinen Widerwortbildungen Opulenz. So, wenn die Rede geht: „Machorkas Heimwehschleifen // Sieh den Wegrandpostenstand“, wenn „Stotterwetten der Platanen“ beschworen werden oder wenn die Sonne des Sprechers „Nackenschlagbuckel“ wärmt. Die auffällige Liebe des Dichters zum Kompositum bezeugt Spieltrieb und dialektische Weltsicht gleichermaßen. Denn die Zusammenfügungen eröffnen neue Sinncharaden, wie sie auf Bindungen aufmerksam machen, die man nicht vermutet hätte, kurz: Im Freigang der Worte, der Sinne, der Reflexion sind die Haftungsbedingungen immer schon einbeschlossen. Was das Kompositum zusammenzieht bzw. -sieht, kann dann das Gedicht bestimmt im Formgang und lustvoll in seinen Wendungen entfalten.

Das Titelgedicht nimmt einen Besuch im Antwerpener Tiergarten zum Anlass, die forcierte Denaturierung der Natur und Enthumanisierung der Menschenwelt in die Groteske zu führen. Die Zoogänger – „Maulaffen strömten herdenweis hinein. / Posenjäger warfen ihre Pixelspeere / Auf Pinguin und Schwartenschwein“ – wie das eingehegte Tier – „Noch das Okapi / Erkannt am Strichcode seiner Modelbeine“ – werden in ihrer Rest-Kreatürlichkeit, in ihrem Verfallensein gegenüber technischen Apparaten und künstlichen Paradiesen auf gleicher Ebene betrachtet. Das sprechende Ich nimmt sich nicht aus: „Mißmutig biß ich in die schwarzen Stäbe / Und spürte meinen Raubtierspeichel rinnen.“ Die daktylisch beruhigt im Versmaß daherkommenden Schauerlichkeiten der Gefangennahme werden unterstrichen wie konterkariert durch Anrufungen der Lyrikgeschichte und durch Schlusswendungen, die, wie nicht selten in Pietraßens Gedichten, eine versöhnlich-ungefähre Pointe bereithalten. Denn natürlich rekurrieren Verse wie: „Die Flamingos schienen noch zu schlafen / den Kopf im Kleid, ein Bein versteckt / Und seihten schon das trübe Wasser / Und träumten noch, wie Freiheit schmeckt“ auf Stefan Georges ‚meine weissen ara...‘, und natürlich vermögen die ironisierenden Endverse: „Die Löwin zeigt dem Löwen sich geneigt. / Du schläfst im Zug und schürzt die Schnut“ die scharf beleuchteten Verstörungen nur wenig zu relativieren. Das kunstfertige Verstreben natürlicher und zivilisatorischer Entitäten hat jeher Methode bei Pietraß, es bildete immer schon das Gerüst für die Ausfallschritte, die Unabsehbarkeiten ahnen lassen und damit das Unheimliche ins Gedicht holen. Das Eröffnungsgedicht des Bandes, ‚Freiwild‘, führt dies nicht nur exemplarisch vor, sondern grundiert gleichsam den gesamten Band:

      Einander überlassen, Natur der Natur
      Lagen wir im Andrang der Elbe, des Bluts.

      Die Kiefer strählte das Blau, und der Falke
      Ein gejagter Pfeil, schoß herab

      Daß wir wie Schnäbler
      Zusammenzuckten, herzschlaglang.

      Wo Busch den Baum den Busch begrub
      Warn wir uns Jäger, Beute; Flut.

Der gejagte Pfeil des Widerspruchs durchquert alle Gemarkungen der lyrischen Territorien, die als ‚Freiwild‘, ‚Totentanz‘, ‚Kriegspfad‘, ‚Schatzbrief‘ und ‚Eishechte‘ ausgewiesen werden. ‚Totentanz‘ etwa versammelt Tiergedichte, in denen der Mensch als Jäger der Kreatur gegenübertritt, bis er als Vernichter selbst zum Gejagten und als Gejagter zum Selbstvernichter depraviert: „Abendrot kehrt gegen mich den Speer. / In dir beginne ich mich selbst zu morden“, heißt es schneidend in ‚Blauwal‘, das im Übrigen einen bitteren Epilog zum Gedicht ‚Fontäne‘ aus dem Pietraß-Erstling ‚Notausgang‘ aus dem Jahre 1980 bildet. Und fürwahr: Die Kette der Todesarten, die die Gedichte in den Endversen auffädeln, erweist sich als menschengemachte Fessel der Fatalität: „Kreuz ich Deine Zirkelschritte / Rädert dich Asphalt“ (‚Mistkäfer‘), „Dein Schneegebiß macht mich nicht bange. / Es tötet dich mein Silberblick“ (‚Gorilla‘), „Trutz von Wiesenhügel / Geköpft von einem Spaten“ (‚Maulwurf‘). Das Gedicht ‚Ge-pard‘ wird gerahmt von den Zeilen: „Da schnellst du hin, ein Pfeil aus Sonnenflecken“ und „Kühl sucht eine Kugel dich im Flug.“

Den Flug des Pfeils auf dem ‚Kriegspfad‘ verfolgend, lässt eine ‚Morgendliche Rede‘ einhalten, die selbstredend auf Brechts ‚Morgendliche Rede an den Baum Green‘ aus der ‚Hauspostille‘ rekurriert. Brechts Respektbezeugung gegenüber dem Baum, dem es gelang, „so hoch heraufzukommen / zwischen den Häusern“, fungiert als freundliches Schattenbild zum Abholzungsszenario, das Pietraß anheim gibt: „Die Morgensonne stach mir ins Genick / Als mir ein Urlaut in die Ohren fuhr. / Es war, als schrie um Hilfe die Natur. / Doch gings nur einer Pappel an den Kragen“. Wie hieß es noch in Brechts ‚Pappel vom Karlsplatz‘: „Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz / Daß man sie noch immer hat!“

Die wenig trostreichen Auskünfte über das zutiefst gestörte Verhältnis des Menschen zur Natur, einschließlich seiner eigenen, werden zumeist von einem lyrischen Sprecher gegeben, der sich verantwortlich einbegreift, indem er dezidiert in der ersten Person Singular auftritt. Dieses exemplarische „Ich“, das durch die prosodische Strenge des Versbaus und die vielen intertextuellen Verweise in seiner Gattungsverpflichtung – in literarischer wie anthropologischer Hinsicht – ausgezeichnet erscheint, wird allerdings freigängerisch konterkariert durch Gegenreden individueller Behauptung des Dennoch und Trotzdem: „Da bin ich, mit allen Himmeln gewaschen. / Landregen spült mir den Schalkschädel weich. / Die Löcher wachsen in den Taschen. / Ich singe, also bin ich reich.“ Poesie als polyphone Bereicherung des Lebens gegen die eindimensionalen Zurüstungen des Utilitarismus zu halten, ist eine Grundfigur gerade der deutschen Poesie seit Gryphius, die auch Pietraß in allen seinen Schaffensphasen würdigte. Der hochgemute Nachfahre der Romantiker sieht sich als „Bankrotteur (...) / Der seine Baisseblicke weiden ließ“ (‚Binzer Schatzbrief‘), seine „Canossaaktien fallen / in den Bilanzenkeller“ (‚Halbzeit‘). Die Zumutungen der neoliberalen Gesellschaftsseuche hinterlassen ihre Spuren im halb spöttisch, halb melancholisch verdrechselten Vokabular der Marktideologen. Das Dennoch und Trotzdem hakt sich noch in den Liebesgedichten fest, die nicht nur die Genüsse des Erotischen zu singen wissen, sondern auch die Enttäuschungen, Entfremdungen, Verletzungen. Der gejagte Pfeil, hier sind es „Wirrer Arme, wirrer Beine. / Schlangenpfeile her und hin.“ (‚Die Leviten‘)

Binnen- um Endreim, Wortwechsel um Wortdrechsel – mein Neuwortfavorit ist der palimpsestiöse ‚Haxenkessel‘ aus ‚Siegerstraße‘ – erschafft der Freigänger Spielräume des Poetischen. Schlusshin bleibt gar der Pfeil im Köcher, wenn wir das dem „Dichtersammler“ Alexander von Bormann entbotene ‚Salve‘ aufnehmen. Das Gedicht endet: „Der goldne Pfeil versilbert im Köcher. / Beim Löffeltennis im Novemberschnee / Frieren die Einschußlöcher.“ Heißen wir also die neuen Gedichte von Richard Pietraß willkommen, die auf uns kommen wie die zitierten Verse: Kunstfertig, sybillinisch, tiefenscharf.

Quelle: PARK – Zeitschrift für neue Literatur, Berlin, Heft 62, November 2007

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Streng berührend
Von Karl-Heinz Farni

Wenn es etwas gibt, das aber so gar nicht in unsere prosaische, nur an die wirtschaftliche Verwertbarkeit denkende Zeit paßt, in der Telefongespräche mit Kontakt verwechselt werden, dann ist das Lyrik. Lyrik ist vielleicht unser letzter Luxus; vollkommen überflüssig fürs Überleben; unentbehrlich fürs Leben.

Zugegeben: ich selbst habe mit Lyrik und Gedichten von Hause aus auch nicht viel am Hut – erst als ich vor Jahren „Der Club der toten Dichter“ gesehen hatte, flackerte meine Liebe zur Lyrik auf, um jedoch bald wieder zu erlöschen, weil viel zuviele meinten, nur möglichst unverständliche Sätze in tunlichst sinnfreie Stücke zerhacken zu brauchen, untereinander zu schreiben, den Kommastreuer drüber – und fertig wäre das Gedicht. Erst durch „freigang“, dem Gedichtband des 60jährigen Schreyahn-Stipendiaten Richard Pietraß, ist meine Liebe zur Lyrik neu entflammt.

Es geht darin um alles, um endgültigen Abschied, um das Schicksal von Toastkrümeln, um Erich Mielkes Liebe und um Ampfersuppe, um Bären, Bier und Waterloo – mit einem Wort: es geht immer um Leben und Tod, so wie es auch im Leben selbst in jeder Sekunde um Leben und Tod geht.

Pietraß macht nicht diese Art Lyrik, die einem die Poetenseele dauernd um die Ohren haut; seine Gedichte sind persönlich aber nicht privat, berühren, ohne aufdringlich zu sein. Die Wehmut, die bisweilen in ihnen steckt, wird nie unerträglich, weil stets kindsköpfig ringelnatziger Witz durch das brillante Wortgewebe flimmert. Das ist richtig gutes Handwerk, was Richard Pietraß da abliefert; durchgearbeitete, gefeilte, konzentrierte Sprache, die das Mühsame der Arbeit nicht dem Leser aufhalst, sondern in all ihrer Strenge leicht bleibt. Und in fast jedem Gedicht steckt eine – mindestens sprachliche – Überraschung. Aus Sachsen stammend, in Berlin lebend, versöhnt Pietraß preußische Disziplin mit sächsischer Lebenslust.

Und manches verstehe ich nicht, oder noch nicht. Aber das ist das Schöne an Lyrik: sie erschließt sich nicht jedem und nicht immer sofort. Man muß ihr Zeit geben wie einer guten Suppe, die auch nicht zu beeilen ist.

Quelle: Wendland-Net

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Revoluzzer ohne Reich
Von Michael Wüstefeld

Gedichte. Lachend unterbricht Richard Pietraß die Totentänze.

Als der 60. von Richard Pietraß, geboren im erzgebirgischen Lichtenstein, gefeiert wurde, lagen ein paar besondere Gaben auf dem Geburtstagstisch. Neben dem „Poesiealbum 60 Extra“, in dem elf Autorinnen und 34 Autoren mit eigens für das Jubelfest geschriebenen lyrischen Anrufungen gratulieren, die kleine, aber feine Anthologie „Die Aussicht auf das Wort“, die 33 Pietraß-Gedichte, ausgewählt von 33 Pietraß-Freunden, vereint. Gekrönt aber wurde der Gabentisch vom neuesten Buch, einem Lyrikbündel, das zwischen 2000 und 2006 entstanden ist. Auf der Umschlagrückseite findet sich ein Vierzeiler, der, weil er im Gedichtband nicht noch einmal auftaucht, gleichsam als Motto, wenn nicht gar als Credo zu verstehen ist: „Wir kommen von nichts. Wir gehen ins Nichts:/ Staub, der sich an Staub rieb./ Vorher nichts. Nachher nichts./ Inzwischen hab ich dich lieb.“

Hier darf bewundert werden, wie es dem Dichter gelingt, in nur vier Zeilen den ganzen Pietraß zu zeigen: eingängig schöne Bildhaftigkeit ohne gekünstelte Attitüde; Schwieriges einfach sagen; keine Reimangst; die Liebe zwischen Frau und Mann wird so besungen, als ob die ganze Menschheit einbezogen sei; bei aller Lebenslust immer den Endpunkt, den Tod im Blick. Also verwundert es nicht, wenn schon mit den ersten Gedichten des Buches der „frühen Gräber“ von Richard Leising, Karl Mickel und Christian Borchert gedacht, in fünf Zeilen vom verwüsteten Grab des Stasi-Ministers Mielke erzählt, das „Gängelband“ des Todes beschrieben und im „Totentanz“ betitelten Zyklus an die bedrohte Tierwelt erinnert wird. Zugleich ergeht der Ruf an die geliebte Sippschaft: „Hört auf zu sterben“!

Aber Pietraß wäre nicht Pietraß, wenn er nicht auch mit salomonischem Gelächter die Totentänze unterbrechen würde: „Meine Verfallszeit ist noch nicht ran./ Bäuchlings gelingt mir das Expandieren“. Und wenn er in „Halbzeit“ den Ton aus dem berühmt gewordenen Gedicht „Das Eigentum“ seines sächsischen Kollegen Volker Braun ironisierend aufnimmt, dann ist er auf der Höhe seiner Kunst: „Da bin ich, mit allen Wassern gewaschen/Kommunarde ohne Kommune, Revoluzzer ohne Reich“.

Öfter als in vorangegangenen Gedichtbänden zeigt sich der Dichter in vielfältiger Gestalt an unterschiedlichem Ort, ein Freigänger auf „Freigang“, was sowohl Ausgang aus der Wohnhaft als auch Lockerung des Lebensvollzugs oder ganz simpel Urlaub von der Alltagspflicht sein kann.

Quelle: SZ-Online (26.05.2007)





Richard Pietraß: Schattenwirtschaft
Verlag Faber & Faber, 96 Seiten, 16,50 Euro


Schattenspiel
Von Jürgen Engler

„Schattenwirtschaft“ – das Gedicht, das dem neuen Band des Lyrikers Richard Pietraß den Titel gab, ist das Schlußgedicht. Um Schwarzarbeit im ökonomischen Sinn geht es nicht, höchstens im metaphorischen Sinn. Denn es ist wahrhaftig ein Schlußgedicht, handelt es doch vom Tod. Das Bestattungswesen liefert die Metaphern.

Die erste und die letzte Strophe des Gedichts erinnern nicht von ungefähr an die Offenbarung des Johannes, die Apokalypse: „Und ich sahe...“ Was gesehen und gesagt wird, ist unwiderruflich und endgültig. Widerspruch ist nicht vorgesehen. Ein trostloses Gedicht, ein unbarmherziges Gedicht. Es schließt einen Band ab mit tröstenden und barmherzigen Gedichten, mit vergänglichkeitsbewußten, gerade deshalb aber auch lebens- und sinnenfrohen Gedichten. Dichtung lebt von solchen Widersprüchen. Sie ist Widerspruch gegen den Tod, sie bewahrt Erinnerung an menschliches Leben.
Der Zyklus „Letzte Gestalt“ entstand 1994 nach dem Tod der Frau. Er enthält elf Gedichte, vorwiegend kurze Texte inständiger Klage und Trauer, und ist von besonderem Gewicht in diesem Band. Das Gedicht „Poste restante“ ist eine eindringliche Litanei, ein Bittgebet.

„Schattenwirtschaft“ erweist sich in Pietraß´ Gedichtband als vielschichtige Metapher, die vom existentiellen Aspekt der Verschränkung von Leben und Tod bis zur gesellschaftlich-zeitkritischen Dimension reicht ( Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen, Zerstörung menschlicher Lebensräume). Dennoch wäre es ganz und gar falsch, sie allein negativ zu fassen. Eine Erinnerung an Schillers Gedicht „Das Reich der Schatten“ mag weiterhelfen. Mit diesem Schattenreich war gerade nicht das Reich der Toten gemeint, wenn es heißt: „Fliehet aus dem engen dumpfen Leben / In der Schönheit Schattenreich!“ Idealistisch wird hier die Kunst als gesteigertes Leben dem gewöhnlichen Dasein entgegengestellt, dem damit gleichsam unter der Hand eine nur schattenhafte Existenz bescheinigt wird. Auch ohne es so idealistisch auf die Spitze zu treiben, kann das „Schattenhafte“, kann die „Schattenwirtschaft“ im positiven Sinn als Metapher für das dichterische Wort gelten, das menschliches Wirtschaften „unwirklich“ und geisterhaft begleitet.
Pietraß´ Gedichte sind häufig ausgesprochene Erinnerungsgedichte, - Gedichte des Innehaltens, der - oft schmerzlichen - Besinnung und des Bewahrens. Beschworen von fast episch ruhiger Vorstellungskraft wird im Gedicht „Der Gartenweg“ Vergangenheit Gegenwart und Gegenwart Vergangenheit. Das lyrische Ich sinnt dem Vater nach und geht ihm nach, läßt vergangene und vergehende Zeit erlebbar werden. Dasein ist so immer auch Schattendasein, und Vergänglichkeit wird zum geheimen Zentrum der Gedichte, in Gehalt - und in Gestalt, in ihren Abläufen, den langsamen, oft aber auch atemlosen. Eingedenk dessen sind Pietraß´ Gedichte An-Sprüche, Anrufungen und Andachten im orphischen Geist: Der Dichter geht zu den Toten respektive kommt von ihnen, ihm ist aufgetragen, ihr Gedächtnis zu bewahren.

In Homers „Odyssee“ gelangt der griechische Held, nachdem er von der Zauberin Kirke freigegeben wurde, an die Kluft am Ende der Welt, durch die der Weg in den Hades führt, in das Reich der Toten, der körper- und tatenlosen Schatten, eine auch von Franz Fühmann in seinem Hörspiel „Die Schatten“ verarbeitete Episode. Den Seelen der Toten muß ein Opfer gebracht werden, sie müssen Tierblut trinken, um sich den Lebenden mitteilen zu können. So erhält Odysseus vom Seher Tiresias Auskunft über seine Heimfahrt, und die Seelen der Mutter, der Freunde und Kampfgenossen offenbaren sich ihm. Dichterische Bilder sind Schattenbilder, sie bedürfen gleichsam unseres Blutes, unserer Gefühle, Gedanken, Erfahrungen, unseres Empfindens und unserer Phantasie, um lebendig zu werden. Dichtkunst ist Schattenwirtschaft.